Seit fast zehn Jahren bin ich auf YouTube. In der Zeit habe ich mit Kaffeemacher über 750 Videos veröffentlicht. Wir sind organisch auf 133.000 Abonnenten gewachsen. Wenn man so lange dabei ist, lernt man die Zahlen zu lesen. Und man merkt schnell, wenn sie nicht stimmen.
Was man messen kann
YouTube macht drei Kennzahlen öffentlich sichtbar: Aufrufe, Likes und Kommentare. (Dislikes hat YouTube 2021 versteckt, Likes sind weiterhin für alle sichtbar.) Zusätzlich gibt es Tools wie Social Blade, die Subscriber-Entwicklung, tägliche Aufrufe und Wachstumsraten tracken.
Aus diesen Zahlen lassen sich zwei Verhältnisse berechnen, die sehr viel über einen Kanal verraten:
Die Like-Rate: Likes geteilt durch Aufrufe. Bei organischen Kanälen in Nischen wie Kaffee liegt diese typischerweise zwischen 2 und 5 Prozent.
Die Kommentar-Rate: Kommentare geteilt durch Aufrufe. Der Normalbereich liegt bei 0,1 bis 0,5 Prozent.
Diese Bereiche sind keine Theorie. Sie lassen sich an jedem organisch gewachsenen Kanal nachprüfen.
Warnstufen im Überblick
| Like-Rate | Einordnung |
|---|---|
| 2–8 % | Normalbereich für Nischenkanäle |
| 1–2 % | Unteres Ende, aber noch plausibel |
| 0,5–1 % | Ungewöhnlich tief, genauer hinschauen |
| 0,1–0,5 % | Auffällig, kaum organisch erklärbar |
| unter 0,1 % | Praktisch ausgeschlossen bei echtem Publikum |
| Kommentar-Rate | Einordnung |
|---|---|
| 0,3–1 % | Stark engagierte Community |
| 0,1–0,3 % | Normalbereich |
| 0,05–0,1 % | Unteres Ende |
| unter 0,05 % | Warnsignal |
| unter 0,01 % | Kein echtes Publikum |
Diese Skala ergibt sich nicht aus einer einzelnen Stichprobe. Sie bildet sich ab, wenn man ein paar Dutzend Nischenkanäle durchrechnet. Die Werte sind konsistent, egal ob der Kanal 2.000 oder 130.000 Abonnenten hat.
Der Normalbereich
Bevor ich zu den Auffälligkeiten komme, will ich zeigen, wie normale Zahlen aussehen. Ich habe mir neun Kanäle angeschaut, die ich seit Jahren verfolge. Von Coffeeness (75.200 Abonnenten) über Kakadu Coffee (36.900) bis zu coffeesomething (2.120). Die Spanne reicht von großen Kanälen mit Hunderttausenden Views pro Monat bis zu kleinen mit ein paar Tausend. Die Engagement-Zahlen sind trotzdem konsistent:
Benchmark-Daten organischer Kanäle
| Kanal | Abonnenten | Video | Aufrufe | Likes | Kommentare | Like-Rate | Komm.-Rate |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Kaffeemacher | 133.000 | Die meisten kaufen die falsche Mühle | 35.361 | 821 | 93 | 2,32 % | 0,26 % |
| Kakadu Coffee | 36.900 | Café Crème ohne Mahlgrad-Anpassung | 15.390 | 386 | 21 | 2,51 % | 0,14 % |
| TheBaristaGame | 24.600 | Ab wann stoppt man die Zeit? | 9.688 | 787 | 26 | 8,12 % | 0,27 % |
| Vettore Coffee | 16.300 | Billig-Espresso unter 180 € | 12.322 | 218 | 75 | 1,77 % | 0,61 % |
| Welter & Welter | 13.200 | ECM Synchronika 2 | 35.395 | 420 | 57 | 1,19 % | 0,16 % |
| Welter & Welter | 13.200 | Gaggia Classic Up vs. Evo Pro 24 | 8.838 | 180 | 19 | 2,04 % | 0,21 % |
| Team Brewspire | 9.860 | Neue Technik bei Siebträgern | 8.646 | 185 | 23 | 2,14 % | 0,27 % |
| Baristakurs Hamburg | 4.790 | Mahlkönig E64WS | 4.150 | 98 | 31 | 2,36 % | 0,75 % |
| DieRöster | 2.440 | Lelit Mara X3 im Test | 4.422 | 77 | 11 | 1,74 % | 0,25 % |
| coffeesomething | 2.120 | Sage Oracle Jet im Test | 37.490 | 604 | 140 | 1,61 % | 0,37 % |
Die Spannbreite: Like-Raten zwischen 1,19 und 8,12 Prozent. Kommentar-Raten zwischen 0,14 und 0,75 Prozent. Neun Kanäle, neun verschiedene Größen, alle im selben Korridor. Das ist der Normalbereich.
Kanal A: Der unsichtbare Riese
Dann gibt es einen Kanal, den ich schon länger beobachte. Laut Social Blade hat er über 100.000 Abonnenten und rund 200 Videos. Das müsste einer der größten deutschsprachigen Kaffee-Kanäle auf YouTube sein.
Nur: Niemand kennt ihn. Er taucht in keiner Diskussion auf. Wird in keinem Forum empfohlen. Ist in keiner Community präsent. Das allein ist schon merkwürdig für einen Kanal dieser Größe.
Ein Blick in Social Blade liefert die Erklärung: Null neue Subscriber in den letzten 30 Tagen. Bei über 100.000 Abonnenten. Ein aktiver Kanal dieser Größe gewinnt normalerweise mehrere hundert Abonnenten pro Monat.
Die Engagement-Zahlen einzelner Videos bestätigen das Bild:
| Video | Aufrufe | Likes | Kommentare | Like-Rate | Komm.-Rate |
|---|---|---|---|---|---|
| Video 1 (Maschinenreview) | ~105.000 | 17 | 12 | 0,016 % | 0,011 % |
| Video 2 (Maschinenreview) | ~76.000 | 29 | 11 | 0,04 % | 0,014 % |
| Neuestes Video (3 Wochen alt) | ~700 | — | — | — | — |
Über 100.000 Aufrufe, 17 Likes. Bei einem organischen Kanal mit denselben Aufrufen würde man 2.000 bis 5.000 Likes erwarten. Die Abweichung ist nicht subtil, sie ist Faktor 150.
Das neueste Video hat nach drei Wochen rund 700 Aufrufe. Das passt eher zur tatsächlichen organischen Reichweite dieses Kanals. Zwischen 700 und 105.000 liegt ein Faktor von 150. Ohne erkennbaren Grund.
Was Social Blade zeigt
| Kennzahl | Kanal A | Erwartung (organisch, 100K+ Subs) |
|---|---|---|
| Abonnenten | über 100.000 | — |
| Neue Subs / 30 Tage | 0 | 200–500 |
| Videos | ~200 | — |
Null neue Subscriber in 30 Tagen bei über 100.000 Abonnenten. Ein Kanal, der regelmäßig Videos postet und sechsstellige Abonnentenzahlen hat, wächst normalerweise um mehrere Hundert pro Monat. Null bedeutet: Es kommt kein neues Publikum dazu. Die Abonnentenzahl ist eine Zahl, keine Community.
Kanal B: Das Split-Pattern
Der zweite auffällige Kanal ist jünger. Rund 20.000 Abonnenten laut Social Blade, gut 200 Videos.
Hier zeigt sich ein besonders aufschlussreiches Muster, weil man organische und vermutlich beworbene Videos direkt vergleichen kann.
Der direkte Vergleich
| Video | Aufrufe | Likes | Kommentare | Like-Rate | Komm.-Rate | Bewertung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Video X (Maschinenreview) | ~102.000 | 92 | 2 | 0,09 % | 0,002 % | ⚠️ auffällig |
| Video Y (Produktreview) | ~2.900 | 62 | 15 | 2,15 % | 0,52 % | ✅ normal |
Zwei Videos, derselbe Kanal, derselbe Zeitraum. Video Y liegt im absoluten Normalbereich. Video X liegt Faktor 24 daneben bei der Like-Rate, Faktor 260 bei der Kommentar-Rate.
Die organische Reichweite dieses Kanals liegt bei wenigen Tausend Aufrufen pro Video. Die Ausreißer mit fünf- bis sechsstelligen Aufrufen haben alle dasselbe Muster: hohe Views, kaum Engagement. Hier die Verteilung:
Aufrufe vs. Like-Rate bei Kanal B
| Video-Typ | Aufrufe (Bereich) | Like-Rate (Bereich) | Anzahl Videos |
|---|---|---|---|
| Organische Videos | 1.000–5.000 | 1,5–2,5 % | Mehrheit |
| Ausreißer-Videos | 38.000–165.000 | 0,05–0,15 % | Einzelne |
Das Split-Pattern ist der stärkste Beweis. Wenn bei einem Kanal die kleinen Videos normale Engagement-Raten haben und nur die großen Ausreißer nicht, gibt es dafür keine organische Erklärung.
Was passiert da?
Zwei Erklärungen kommen in Frage.
Erstens: Die Videos werden mit Budget beworben, die Zielgruppe stimmt aber nicht. YouTube Ads können Views liefern, aber wenn die Anzeige an Menschen ausgespielt wird, die sich nicht für Espressomaschinen interessieren, klicken sie nicht auf Like und schreiben keinen Kommentar. Sie schauen ein paar Sekunden und scrollen weiter.
Zweitens: Views werden direkt eingekauft. Es gibt Dienste, die für wenig Geld Aufrufe liefern, meist aus Click-Farmen. Das Engagement ist dann praktisch null.
In beiden Fällen ist der Effekt derselbe: hohe Aufrufzahlen ohne echtes Publikum.
Warum das ein Problem ist
Kurzfristig funktioniert die Strategie. Hersteller schauen auf Aufrufzahlen und stellen gerne eine Maschine zur Verfügung, wenn dafür 100.000 Views winken. Das ist verständlich. Die wenigsten prüfen Like- und Kommentar-Raten.
Langfristig schadet es allen Beteiligten. Der YouTube-Algorithmus lernt aus dem Engagement. Wenn beworbene Videos zwar Aufrufe, aber keine Watch-Time und kein Engagement bringen, stuft der Algorithmus den Kanal insgesamt herunter. Die nicht beworbenen Videos werden dann noch weniger ausgespielt. Eine Abwärtsspirale.
Und für die Community entsteht ein verzerrtes Bild. Wenn ein Kanal mit 100.000 Abonnenten und regelmäßig sechsstelligen Aufrufen als Referenz herangezogen wird, entwertet das die ehrliche Arbeit von Kanälen, die mit 5.000 oder 20.000 Aufrufen ein engagiertes Publikum erreichen.
Wie man es selbst prüfen kann
Die Daten sind öffentlich. So geht's:
- Geh auf ein beliebiges YouTube-Video und schau dir die Aufrufe und Likes an. Teile die Likes durch die Aufrufe. Unter 1 Prozent ist ungewöhnlich. Unter 0,5 Prozent ist auffällig. Unter 0,1 Prozent ist kaum noch mit organischem Traffic erklärbar.
- Scroll runter zu den Kommentaren. YouTube zeigt die Anzahl direkt über dem Kommentarfeld. Rechne: Kommentare geteilt durch Aufrufe. Unter 0,05 Prozent bei einem Nischenkanal ist ein Warnsignal.
- Geh auf socialblade.com und gib den Kanalnamen ein. Dort siehst du die Subscriber-Entwicklung der letzten 30 Tage. Ein «aktiver» Kanal mit 100.000 Abonnenten und null Neuzugängen pro Monat ist nicht organisch gewachsen.
- Vergleiche mehrere Videos desselben Kanals. Wenn die meisten Videos ein paar Tausend Aufrufe haben und einzelne Videos plötzlich auf 100.000 springen, ohne dass sich die Like-Rate mitbewegt, ist das ein starkes Indiz.
Die positiven Beispiele
Ich habe bewusst keine Namen der auffälligen Kanäle genannt. Das ist nicht der Punkt dieses Beitrags. Der Punkt ist, dass man die Zahlen lesen kann, wenn man weiß, worauf man achten muss.
Stattdessen will ich die Kanäle nennen, die seit Jahren Woche für Woche Kaffee-Youtube bereichern. Die Liste ist nicht vollständig, aber sie zeigt, wie konsistent die Engagement-Zahlen bei organischen Kanälen sind, egal ob groß oder klein.
Coffeeness (75.200 Abonnenten, 405 Videos) macht seit Jahren konstant gute Maschinentests vor allem von Kaffeevollautomaten mit stabilem Wachstum. Kakadu Coffee (36.900 Abonnenten) ist auf Latte Art und Siebträger-Basics spezialisiert. Leider eine Zeit inaktiv, nun aber wieder häufiger am Start. TheBaristaGame (24.600 Abonnenten) liefert mit 8,12 Prozent Like-Rate den höchsten Wert in dieser Aufstellung. Vettore Coffee (16.300 Abonnenten) wächst mit +400 Subscribern pro Monat am schnellsten. Welter & Welter (13.200 Abonnenten) machen seit 2014 Maschinenreviews aus Köln. Team Brewspire (9.860 Abonnenten, 390 Videos) postet jede Woche. Baristakurs Hamburg (4.790 Abonnenten) liefert die höchsten Kommentar-Raten und bereichert mit Maschinentests die Kaffeewelt. DieRöster (2.440 Abonnenten) testen aus Österreich. coffeesomething (2.120 Abonnenten) zeigt, dass auch kleine Kanäle starkes Engagement haben können.
Die konkreten Zahlen stehen in den Tabellen oben. Allen gemeinsam: Like-Raten zwischen 1 und 8 Prozent, Kommentar-Raten zwischen 0,1 und 0,75 Prozent. Das gilt unabhängig von der Kanalgrösse.
Social Blade: Wachstum der positiven Kanäle (letzte 30 Tage)
| Kanal | Abonnenten | Neue Subs / 30d | Views / 30d | Videos gesamt |
|---|---|---|---|---|
| Coffeeness | 75.200 | +300 | 263.000 | 405 |
| Team Brewspire | 9.860 | +500 | 89.000 | 390 |
| Vettore Coffee | 16.300 | +400 | 195.000 | 420 |
| Baristakurs Hamburg | 4.790 | +300 | 23.000 | 91 |
| Welter & Welter | 13.200 | +300 | 56.000 | 175 |
| Kakadu Coffee | 36.900 | +200 | 51.000 | 123 |
| TheBaristaGame | 24.600 | +100 | 56.000 | 164 |
| DieRöster | 2.440 | +70 | 26.000 | 218 |
| coffeesomething | 2.120 | +20 | 14.000 | 59 |
Zum Vergleich: Kanal A hat bei über 100.000 Abonnenten null neue Subscriber im selben Zeitraum.
Organisch vs. auffällig: Der Faktor-Vergleich
Wenn man die Durchschnittswerte aller analysierten Kanäle gegenüberstellt, wird das Ausmaß der Abweichung sichtbar.
| Kennzahl | Organisch (Ø 9 Kanäle) | Auffällig (Ø 3 Videos) | Faktor |
|---|---|---|---|
| Like-Rate | 2,58 % | 0,05 % | 52× |
| Kommentar-Rate | 0,33 % | 0,009 % | 37× |
Die auffälligen Videos haben im Schnitt eine 52-fach niedrigere Like-Rate und eine 37-fach niedrigere Kommentar-Rate als organische Videos in derselben Nische. Das ist keine Grauzone. Das ist eine andere Kategorie.
Kaffee-YouTube wird besser. Und zwar wegen der Leute, die sich die Arbeit machen, ein echtes Publikum aufzubauen. Nicht wegen derer, die Views kaufen.
Datengrundlage: Eigene Erhebung, April 2026. Engagement-Daten direkt auf YouTube erhoben. Subscriber- und Wachstumsdaten via Social Blade. Alle Zahlen Momentaufnahmen zum Zeitpunkt der Analyse.
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